Arbeitskreis Strassenkinder in Rumänien e.V.


10 Jahre Arbeitskreis: Der Mythos vom Verein – eine Erfolgsstory


Von Markus Döhring

Rom wurde bekanntlich im Jahre 753 v. Chr. gegründet. Sie kennen sie, die Story von Romulus und Remus, deren Mutter, geschwängert vom Kriegsgott Mars, die Zwillinge hergeben musste, weil diese ihre Ansprüche auf den Königsthron in Mittelitalien hätten geltend machen können, was König Amulius, der den Thron usurpiert hatte, gar nicht gut fand. Amulius ließ die beiden Säuglinge folglich auf dem Tiber aussetzen. Romulus und Remus wurden jedoch an Land gespült, von einer Wölfin gesäugt und von einem Hirten großgezogen. Dann gründeten sie Rom: sieben fünf drei, Rom kroch aus dem Ei. – Tatsächlich jedoch sind Siedlungsspuren, die auf einen antiken Stadtstaat hinweisen, auf zweien der römischen Hügel, dem Palatin und dem Quirinal, erst für die Zeit um 600 v. Chr. nachweisbar.

Zu jedem Gründungsakt, sei es nun derjenige der Stadt Rom oder derjenige eines Vereins, gehört ein bestimmter Mythos, der die graue Vorzeit beschreibt und der die Umstände der Gründung, die im Dunkeln liegen, versucht z.T. mit göttlichem Einwirken zu erklären und zu deuten. Ich will nun nicht ausführlich in die graue Vorzeit des Vereins Arbeitskreis Straßenkinder in Rumänien abtauchen und Dinge zutage fördern, die vielleicht gar nicht stimmen. Nein, aber ein Mythos hat, indem er bestimmte Ereignisse versucht zu erklären und zu deuten, eine sinnstiftende Funktion, die einzelne, in unserem Fall reale Begebenheiten in einen Zusammenhang bringt.

Da hätten wir zum einen den kleinen Verein aus Schriesheim, dessen Leistungsgrenze erreicht ist, als er 1994 und 1995 einen Streetworker, Greg Helm, mit 150 DM monatlich unterstützt, damit die Straßenkinder am Bahnhof von Brasov versorgt werden. Zum anderen können wir auf das schauen, was genau dieser Verein im Jahre 2004 mit der Unterstützung vieler hilfsbereiter Menschen, allen voran Greg und Ligia Helm, in Cristian bei Brasov auf die Beine gestellt hat: ein schönes, großes, wohnliches Haus, das nicht nur den Heimleitern Greg und Ligia mit ihren beiden Kindern Platz bietet, sondern auch Kindern, die kein Zuhause hatten.

Schaut man nun vom Jahr 2004 aus zurück auf die vorangegangenen 10 Jahre, dann kann man nur staunen und sich verblüfft die Augen reiben angesichts dessen, was sich aus den bescheidenen Anfängen im Jahr 1994 entwickelt hat. Durch einen solchen Blick zurück lassen sich die einzelnen Ereignisse, positive wie negative, und die Zufälle, die Rückschläge, die unglaublichen Anstrengungen und die Türchen, die immer wieder aufgingen, in einen Zusammenhang bringen, der Sinn macht. Im Horizont des Erreichten können die 10 Jahre Vereinsgeschichte erzählt und gedeutet werden, wie es z.B. im Falle der Gründung Roms der Mythos leistet. Im Lichte des Erreichten bekommt das Vorhergehende seinen Sinn. Insofern ist meine Erzählung der letzten 10 Vereinsjahre das Erzählen eines Mythos, der allerdings – und das unterscheidet ihm vom antiken Mythos – etwas mit wirklichen, realen Begebenheiten zu tun hat. Auch wenn man unter Mythos etwas Fiktives, etwas Gedachtes, etwas Wunderbares, etwas, das es nur in Träumen, nicht aber in der Realität gibt, versteht, dann kann man auch sagen: Es geht um einen Mythos, der – und darüber staune ich noch immer und werde nicht aufhören zu staunen – Wirklichkeit wurde.

Bevor ich mich den letzten 10 Vereinsjahren widme, will ich einen anderen Aspekt des Mythischen aufgreifen: Im Mythos geht es immer auch um die Vorgeschichte z.B. eines Gründungsaktes, um die z.T. im Dunkeln liegende Vorzeit. Auch unser Verein hat eine solche Vorgeschichte.
 

Die Vorgeschichte
In einem Mythos, der die Vorzeit erzählt, kommen immer eine Menge Helden und Götter vor. So auch in der Vorgeschichte des Vereins Arbeitskreis Straßenkinder in Rumänien. Allerdings sind unsere Helden keine irrealen Halbgötter wie Romulus und Remus, die auf ihren Erzeuger Mars stolz sein konnten (weshalb die Römer sich göttlichen Ursprungs wähnten). Unsere „Helden“ sind nicht nur sehr real, sondern auch heute größtenteils noch aktiv im Gegensatz zu ihren antiken Genossen, die irgendwann aus der Geschichte verschwanden, nachdem sie in den Mythos Eingang gefunden hatten.

Ein „Held“ der Vorzeit des Vereins ist sicherlich Jürgen Pfeiffer. Anfang der 90er, er hatte gerade mit dem Studium in Heidelberg begonnen, wollte er ganz praktisch etwas tun, um Notleidende und Arme zu unterstützen. Er fühlte sich – und hier kommt gleichsam das göttliche Element hinzu – wie viele andere, die in unserem Verein aktiv wurden, durch seinen christlichen Glauben dazu verpflichtet, ganz konkret den Armen zu helfen. Hinzu kam das Bewusstsein des eigenen Wohlstands, denn verglichen mit den meisten Ländern dieser Erde geht es uns in Deutschland materiell extrem gut. Allerdings muss man in der Lage sein, das zu erkennen und sich selbst zu relativieren.

Just in dieser Zeit traf Jürgen die Heidelbergerin Silke Storz, eine weitere „Heldin“ der Vorzeit des Vereins, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Hilfstransporte nach Brasov in Rumänien auf eigene Faust organisierte. Jürgen organisierte ein Benefiz-Konzert mit mehreren Künstlern und stellte den Erlös Silke zur Verfügung. Silke wiederum lernte bei einem ihrer Aufenthalte in Brasov den Engländer Greg Helm kennen, der sich damals im Auftrag einer englischen Organisation um die heimatlosen Straßenkinder am Bahnhof von Brasov kümmerte.

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1994 und weitere „Helden“ kommen hinzu: Horst Lietmeyer und Bernhard Limberg, beide aus Schriesheim bei Heidelberg. Als Jürgen für ein halbes Jahr zum Studieren nach Köln verschwand, gründeten die beiden zusammen mit Silke, die sich kurz darauf aus privaten Gründen gänzlich aus dem Verein zurückzog, den eingetragenen Verein Arbeitskreis Straßenkinder in Rumänien, um die mittlerweile regelmäßige finanzielle Unterstützung der Arbeit von Greg auf institutionelle Beine zu stellen und um Spenden sammeln zu können. Gänzlich unbewandert im deutschen Vereinsrecht arbeitete sich v.a. Bernhard durch dicke Ordner mit den entsprechenden Gesetzesvorschriften: Ein Vorstand wurde gewählt und eine Satzung ausgearbeitet (nachzulesen unter Vereinssatzung). Damit war nun die erste große Hürde genommen, das Vereinsleben begann zu florieren und an dieser Stelle endet die Vorgeschichte.
 

Die letzten 10 Jahre

1. Phase: Erster Besuch und Hauskauf
Normalerweise gehören die Helden und Götter in die Vorzeit. Nicht aber so bei uns, denn das Jahr 1995 bescherte dem Verein einen weiteren „Helden“: mich.  Nachdem ich die Uni gewechselt hatte und von Köln nach Heidelberg gezogen war (kurz darauf übrigens nach Schriesheim, wo auch Jürgen wieder wohnte; wir waren damals also alle in Schriese vereint), begeisterte ich mich für den umtriebigen, kleinen Verein und wurde aktives Mitglied. Dann fassten Jürgen, Bernhard und ich einen folgenschweren Entschluss: Wir wollten endlich mal nach Rumänien fahren, uns selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen und den Mann, nämlich Greg, endlich mal persönlich kennen lernen, der mit unserer Unterstützung die Straßenkinder versorgte. Im Sommer 95 verwirklichten wir unseren Entschluss.

Über diese erste Reise ist viel erzählt worden, viel haben wir dazu geschrieben und in der Tat handelt es sich um so etwas wie eine Initiation – für uns und für den Verein. Diese erste Fahrt hat uns alle persönlich sehr geprägt und damit     auch den Verein, seine Arbeit und seine Ziele. Ich könnte wirklich seitenlang davon erzählen, ich könnte erzählen von der abenteuerlichen Fahrt durch ein uns völlig unbekanntes Land, wo alles ganz anders schien als bei uns zu Hause. Ich könnte erzählen von dem Schock, als wir die Straßenkinder am Bahnhof besuchten, von den abgerissenen, stinkenden Kindern, die uns dennoch offen gegenübertraten. Von dem Dreck und dem Schmutz, in dem diese Kinder lebten. Von der Angst, der Enttäuschung und der Hoffnungslosigkeit, die in ihren Blicken zu sehen waren. Ich könnte erzählen von den staatlichen Kinderheimen, die wir von innen sahen und in denen es uns ekelte. So standen wir, die drei Studenten aus Schriesheim, aus gutem Hause, materiell abgesichert, mit guter persönlicher und beruflicher Perspektive; so standen wir inmitten einer Welt, die wir nicht gekannt hatten, die wir nicht einmal für möglich gehalten hatten (man kennt das ja nur aus dem Fernsehen, alles ist weit weg und ein bisschen irreal), die uns schockierte, aber die in uns auch eine bedeutende Erkenntnis reifen ließ: Uns wurde vollkommen klar, dass wir uns hier engagieren wollen, müssen und v.a. können mit Hilfe von Greg.

Ich könnte natürlich auch erzählen von den beiden wunderbaren Menschen Greg und Ligia, die wir kennen lernten und mit denen uns von Anfang an eine immer tiefer gehende Freundschaft verband. Ich könnte erzählen von den stundenlangen Gesprächen mit den beiden über die Kinder, die Situation und das Leben in Rumänien und ich könnte erzählen von unseren schönen gemeinsamen Abenden. Von Martha Tante, bei der wir wohnten in Cristian, weil Greg und Ligia nur eine kleine Wohnung hatten in Brasov. Von der Schönheit des Landes und der historischen Altstadt von Brasov.

Von all dem könnte ich ewig erzählen, aber das Entscheidende war zum einen unsere tiefe Betroffenheit, zum anderen die Tatsache, dass Greg uns eines klar machte: Er brauche, so sagte er ganz offen und unmissverständlich, ein Haus, um den Kindern langfristig helfen und ihnen eine Perspektive bieten zu können. Andernfalls werde er nach England zurückkehren. Obwohl er uns von der Notwenigkeit eines eigenen Hauses als Kinderheim nicht zu überzeugen brauchte, kippten wir fast aus den Latschen, als wir das hörten. Wir konnten grade mal 150 DM im Monat auftreiben um die Arbeit am Bahnhof zu finanzieren. Woher sollten wir mehrere zehntausend DM bekommen?

Wir fuhren nach Hause mit dem felsenfesten Entschluss, es trotzdem zu versuchen. Als Antwort auf die genannte Frage hatte einer von uns eine geniale Idee (ich weiß wirklich nicht mehr, von wem sie kam): Wir wollten 120 Personen, Vereine, Firmen oder andere Organisationen finden, die sich schriftlich dazu bereit erklären, einmalig 500 DM zu spenden, allerdings erst, wenn wir tatsächlich 120 Zusagen hätten. Denn nur dann, wenn wir tatsächlich 60.000 DM auf dem Konto haben, wollten wir weiter machen und ein Haus in Rumänien kaufen. Für diese Aktion fanden wir einen PR-tauglichen Namen: Aktion 120. Mit einer Diashow und der Aktion 120 in der Tasche zogen wir durch die Lande, machten Werbung im Freundeskreis und bei Verwandten, schrieben Vereine und Gemeinden an und brachten v.a. durch Bernhard, der damals für die Tageszeitung Mannheimer Morgen arbeitete, unser Anliegen in die Presse.

Der Erfolg war überwältigend und für uns alle absolut unglaublich (und ist es bis heute!): Bereits am 1. März 1996 hatten wir genau 122 Zusagen von Leuten, die 500 DM spenden wollten! Die Leute haben wohl unsere tiefe Betroffenheit erkannt und sie haben uns abgenommen, dass wir uns engagiert für ein überschaubares Projekt einsetzen und persönlich dafür gradestehen. Ich glaube, das war das Geheimnis unseres Erfolgs (und ist es bis heute). Wir haben nie behauptet, wir seien PR- oder Wohltätigkeitsprofis, und uns wurde damals selbst mulmig angesichts der riesigen Verantwortung, die mit dem Eingang von mehr als 60.000 DM auf unseren Schultern lastete. Außerdem konnten wir die Quantität an Verantwortung nur erahnen, die der Betrieb eines Kinderheims mit sich bringt. Jürgen Pfeiffer schrieb damals in einem internen Brief an die aktiven Mitglieder Folgendes: „Drei bis fünf Hansel wollen ein Kinderheim eröffnen und betreiben. Wenn man sich das vorstellt, muss es einem doch Angst und Bange werden, oder?“ Wie man sieht, hatten wir durchaus Bedenken. Aber wir haben das Projekt durchgezogen und – das kann man im Rückblick sagen – perfekt, oder sagen wir: zumindest sehr gut gemanagt und organisiert. Und heute arbeiten wir, wie es in unserem neuen Flyer heißt, „mit der Erfahrung und dem Know-how von 10 Jahren“

Das Vertrauen, das die Leute damals in uns – und vor allem, das darf nie vergessen werden, auch in Greg und Ligia – gesetzt haben, wurde belohnt. Und wir alle sind gemeinsam mit Greg und Ligia stolz darauf, alles so hingekriegt zu haben, und wir sind v.a. stolz darauf, dass uns viele Leute über Jahre hinweg vertraut haben und unserem Projekt treu geblieben sind. Ich kann für mich persönlich sagen, dass mein großer Trost darin besteht, dass wir Spender und Freunde des Vereins haben, auf die wir zählen können – in der Vergangenheit konnten wir das und wir werden es auch in Zukunft können. Bleiben SIE uns treu! Wir haben es verdient – nein, Greg und Ligia haben es verdient – nein, die Kinder in Cristian haben es verdient – nein, niemand hat es irgendwie „verdient“, wir hatten eben alle zusammen riesiges Glück – oder was weiß ich, was wir hatten. Greifen Sie jedenfalls jetzt und immer wieder tief in die Tasche, damit unser Projekt so erfolgreich fortgeführt werden kann wie es begonnen hat!

Ich muss nun leider raffen, denn ich habe ja versprochen, nicht seitenlang zu erzählen (dabei hab ich schon mind. 70% weggelassen!). Wie ging’s weiter nach der Aktion 120? Ganz kurz: Wir hatten das Geld, Greg und Ligia suchten ein geeignetes Haus zum Kaufen und wurden in Cristian auch fündig: Allerdings kostete der alte Bauernhof mit riesigem Garten 85.000 DM! Was jetzt, fragten wir uns. Obwohl wir den Restbetrag nicht hatten, gaben wir unser Ok zur Unterzeichnung des Kaufvertrages im Oktober 1996, denn es musste angesichts mehrerer Interessenten schnell entschieden werden. Und wieder wurde uns mulmig. Und wieder war das Geld nach einiger Zeit auf unserem Konto. Keine Ahnung, was wir gemacht hätten, wenn nicht. Aber lassen wir hypothetische Fragen.

2. Phase: Renovierung, Umbau und leere Versprechungen
Das Jahr 1996 brachte dem Verein nicht nur ein Haus, nein, er durfte auch zwei neue „Helden“ begrüßen: Johannes Gürlich und Jens Nobiling. Jens wurde bald Schatzmeister und übernahm für mehrere Jahre die wichtige und zeitintensive Aufsicht über die Finanzen des Vereins. Die Leistungen von Johannes beim Um- und Ausbau des Hauses können kaum überschätzt werden: Als Architekt nahm er die gesamte Planung in die Hand, organisierte Sachspenden von deutschen Baufirmen, zeichnete die Pläne, hielt Kontakt zur rumänischen Architektin vor Ort und überwachte den Baufortschritt bei mehreren Besuchen in Cristian.

An dieser Stelle ist ein kurzer Vorgriff vonnöten, um die Liste unserer „Helden“ komplett zu machen. Nach einer langen heldenlosen Zeit liefen dem Verein im Jahre 2003 zwei neue „Helden“ zu: Angelika und Walter Miller, wohnhaft – wie könnte es anders sein – in Schriesheim. Walter wurde Anfang 2004 gleich zum Finanzminister in Schriesheim gewählt und wacht nun über Spendeneingang und Kosten (bei unseren Verwaltungskosten (Porto, Druck etc.) handelt es sich übrigens noch immer um einen lächerlich geringen Betrag, der Rest geht direkt nach Rumänien, das sei an dieser Stelle mal erwähnt). Da er auch beruflich mit Buchhaltung zu tun hat, sind unsere Finanzen in den besten Händen. Angelika hat sich als erfahrene Marketingmanagerin gleich mal unserem Flyer gewidmet (das neue Infoblatt kann als PDF heruntergeladen werden unter Kontaktadresse).

Über die Zeit der Renovierung von 1997 bis 2000 ist viel geschrieben und berichtet worden im Straßenbengel (bis 1999 Vorläufer von Neues aus Cristian). Nehmen Sie sich bei Gelegenheit die alten Hefte mal wieder zur Hand (die Sie hoffentlich nicht weggeworfen haben, das sind mittlerweile Sammlerstücke!!) und schauen Sie sich die Fotos an. Sie werden noch einmal die Verwandlung eines alten Bauernhauses in ein modernes, hübsches, wohnliches und funktionales Haus bestaunen können. Man kann es mit Worten nicht beschreiben. Fahren Sie doch einfach mal hin.

Diese Jahre waren auch die Jahre der Entbehrung und der beinah unmenschlichen Mühen für Greg und Ligia. Sie lebten auf einer Baustelle, im ersten Winter ohne Heizung, während Ligia schwanger war (Tiffany kam im April 1998 zur Welt). Greg malochte drei Jahre lang Tag und Nacht, ärgerte sich mit Handwerkern und Baustofffirmen herum und hatte manche Katastrophe auf dem Bau zu überstehen. Ligia stand sich auf 5 Millionen Ämtern die Füße in den Bauch (erst mit dickem Bauch, dann mit Säugling), verhandelte, stritt und schlug sich mit Beamten und besorgte so die 5 Millionen Genehmigungen, die man brauchte. Die beiden reden nicht mehr oft von dieser Zeit, aber an ihrer Mimik lässt sich die Schwere und die Anstrengung dieser Jahre ablesen.

Und immer wieder die Schlauberger in Deutschland. Anfang 1997 stand im Grußwort des Straßenbengel: „Wir sind zuversichtlich, dass eine Eröffnung in diesem Jahr möglich ist.“ Ende 1997 (ebenfalls Grußwort): „Unsere optimistische Planung, noch in diesem Jahr das Kinderheim zu eröffnen, mussten wir leider korrigieren... Die Renovierungsarbeiten und die Kosten dafür haben sich weitaus umfangreicher dargestellt, als wir uns das haben vorstellen können... Wir vertrauen auf Ihre Unterstützung...“ Das Grußwort im Juli 1998 wurde mit folgenden Worten eröffnet: „In Riesenschritten nähert sich der große Tag, an dem das ‚Nest’ für unsere Schützlinge in Brasov fertig ist!“ In einem Artikel im Straßenbengel vom Dezember 1999 schrieb Horst: „Als wir im Sommer...verkündeten, dass die Kinder im Herbst einziehen könnten, waren wir wohl zu optimistisch und sehr blauäugig.“

Mal ganz ehrlich: Würden Sie einem solchen Verein, einer Ansammlung aus großmäuligen Dilettanten, auch nur einen einzigen Cent spenden? – Also ich schon – und Sie haben sich erfreulicherweise meiner Meinung angeschlossen. Bitte ändern Sie Ihre Meinung keinesfalls!

3. Phase: Die Eröffnung, das Leben im Heim beginnt
Am 28. August 2000 war es endlich so weit. Im Sommerrundbrief des Vereins stand in großen Lettern: „Das erste Kind ist da! Sie heißt Nicoleta...“ Als wir das endlich verkünden konnten, fiel uns allen, in Deutschland und in Rumänien, nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern gleich ein ganzer Laster voll.

Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. In den folgenden Monaten kamen vier weitere Kinder hinzu: Titi, Mircea und das Geschwisterpaar Madalina und Sebi mare. Letztere konnten Anfang 2004 wieder zu ihrer Familie zurückkehren und leben nun bei ihrer Großmutter. 2001 zogen Alexandra und ihr Bruder Sebi mic ins Haus ein. Seit 2002 bietet das Heim Gabi, unserem ältesten Kind, ein neues Zuhause. Der letzte Neuzugang, nämlich im Sommer 2004, ist Janos. Damit leben momentan, Ende 2004, also insgesamt sieben Kinder in unserem Heim in Cristian. Wenn man Tiffany (6 Jahre) und Oliver (2), die Kinder von Greg und Ligia, dazuzählt, dann sind es neun. Mit dem Ehepaar Helm leben also elf Personen im Haus in Cristian, hinzu kommen noch vier Angestellte, die dort arbeiten.

Sie sehen, wir und Sie tragen für mehr als ein Dutzend Menschen die finanzielle Verantwortung. Wir vom Verein werden unseren Job weiterhin so gut machen wie bisher auch und Sie werden uns ebenfalls nicht im Regen stehen lassen, wenn es darum geht zu spenden.

Aber noch etwas wird sichtbar. Sie haben nun hoffentlich erkannt, dass unser Vereinsmythos locker mit dem Mythos von der Gründung Roms mithalten kann: Auch bei uns wimmelt es nur so von Helden und heroischen Taten. Außerdem war auch die Gründung Roms ein voller Erfolg, wenn man bedenkt, dass der kleine Stadtstaat auf den sieben Hügeln am Tiber nach einigen Jahrhunderten die ganze damals bekannte Welt beherrschte. – Nein, wir wollen nun nicht von Cristian aus die Welt beherrschen, aber ein grandioser Erfolg lässt sich unserer Arbeit nicht absprechen: Aus den drei Studenten, die 1995 ahnungslos durch Brasov rannten, ist mit Ihrer Hilfe und durch Greg und Ligia und unter Mithilfe von vielen aktiven Mitgliedern eine Organisation entstanden, die sich sehen lassen kann. Wir alle bieten sieben Kindern ein Zuhause und eine Perspektive. Darauf können wir stolz sein.

Mythos hin oder her: Das ist eine Erfolgsstory.

Fortsetzung folgt (2005 bis 2010)